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Göksu Kunak

Bloggerin zu Gast 2016

Ein paar Vorüberlegungen

Der Begriff ‚Freak‘ verweist nicht nur auf Körper, sondern auch auf entnormierende soziale Praktiken: NichtstuerInnen, produktiv aber ‚anders‘ sein, queer/links/feministisch sein – Praktiken, die aus irgendeinem Grund nicht wirklich für die Integration in den neoliberalen Kapitalismus infrage kommen, obwohl sich dieser ganz und gar der Differenz verschrieben hat.
Renate Lorenz, Queer Art: A Freak Theory. Bielefeld: transcript Verlag 2012, S. 27f

In Gabriel Garcia Marquez’ Hundert Jahre Einsamkeit nimmt eine der Hauptfiguren an einem Aufstand gegen die Repressionen der örtlichen Bananenfabrik teil. Der Mann erleidet schwere Verletzungen und wird, da man ihn für tot hält, mit einem Zug voller Leichen abtransportiert. Als er ins Dorf zurückkehrt, erinnert sich jedoch niemand mehr an die Gewalttaten, die stattgefunden haben. Marquez’ Geschichte offenbart in kunstvoller Manier den Konstruktionscharakter von Geschichte, Erinnerung und Zeit. Man fragt sich: Wie lässt sich eine neue Sicht entwickeln, die frei ist von repressiven Machtstrukturen? Sind Narrative denkbar, die einen neuen, nicht von  Heterotemporalität geprägten Zeitbegriff schaffen? Benötigen wir nicht eine neue Sprache, um die Bürde der uns auferlegten Werte abzuwerfen? Im Zeitalter der Chronopolitik werden durch heteronormative neoliberale  Grundsätze Leben zerstört, wenn Drohnen auf Knopfdruck ganze Städte platt machen. Wir aber gehören zu den Glücklichen, die ohne Todesfurcht tief in die Welt der Kunst und Theorie eintauchen können …

Göksu Kunak lebt und arbeitet als Autorin in Berlin. Sie ist Korrespondentin bei Ibraaz und gehört dem Redaktionsteam des vierteljährlich erscheinenden Interviewmagazins mono.kultur an. Die Autorin nimmt demnächst eine Dissertation über queere Chronopolitik und deren Bezug zu Performance und zeitgenössischem Tanz in Angriff. Göksus Kurzgeschichten und Gedichte sind auf dem literarischen Blog leopardskinandlimes.com und unter goksukunak.tumblr.com abrufbar.